Auffrischung eines Feindbildes
Ein Querschnitt durch die Berichterstattung über die Anschläge vom 7.7.2005 (Stand: 23.10.2005)
 | 'Express' vom 9.7.2005
 Titelseite
Dem 'Express' gelingt wie kaum einer anderen Zeitung eine Titelseitengestaltung, die die zentrale Frage nach der Urheberschaft der Anschläge von London sowie weiterer ungeklärter Anschläge auf den Punkt bringend beantwortet, und den 'Feind' ins Visier nehmend die Assoziation auslöst: Tötet den Menschen!. |
 | 'Express' vom 9.7.2005
 Seite 3
Und dem 'Express' gelingt ein Ablenkungsmanöver. Nicht die weitaus zahlreicheren zivilen Opfer der Kriege, z.B. die im Irak und in Afghanistan, werden in den Mittelpunkt gerückt, sondern die Opfer von Terroristen - ohne dabei zu hinterfragen, wer die Terroristen und ihre Hintermänner sind. |
 | 'Daily Mirror' vom 8.7.2005
 Titelseite
Für den 'Daily Mirror' ist klar: die Anschläge sind das Werk von Selbstmord-Attentätern, die das britische Volk zusammenschweißen im Kampf gegen den 'Terror'. |
 | 'Daily Mirror' vom 8.7.2005
 Seiten 8/9
'Krieg gegen Großbritannien' lesen wir auf allen Seiten, die sich mit den Anschlägen befassen. Und wer deren Urheber sind, wird uns visuell großformatig vermittelt. |
 | 'Daily Mirror' vom 8.7.2005
 Seiten 10/11
Premierminister Tony Blair wird uns als der starke Mann präsentiert, der wie auch Präsident George W. Bush vor dem Terror nicht in die Knie geht. Der von den beiden zu verantwortende Terror gerät geschickt aus dem Blickfeld. |
 | 'Daily Mirror' vom 8.7.2005
 Rückseite
Es ist noch gar nicht lange her: da stand der 'Daily Mirror' auf der Seite der Friedensbewegung, die den Krieg gegen den Irak verhindern wollte. Das scheint vergessen. Jetzt sind die Anschläge auch für den 'Daily Mirror' ein Ereignis, das sich für die Rechtfertigung des 'Kriegs gegen den Terror' hervorragend zum Einsatz bringen läßt. |
 | 'Abendzeitung' vom 8.7.2005
 Titelseite
Die 'Abendzeitung' präsentiert uns den Verantwortlichen gleich auf der Titelseite: Osama bin Laden und sein El-Kaida. |
 | 'Bild' vom 8.7.2005
 Titelseite |
 | 'Bild' vom 8.7.2005
 Seiten 2/3
'Bild' ist vergleichsweise zurückhaltend mit der Darstellung von Osama bin Laden. Aber auch hier kommt er vor - rechts oben auf Seite 3. Aber immerhin heißt es auf Seite 3: "Die ARD meldet um 20:10 Uhr: Das angebliche Bekennerschreiben der al-Kaida ist nicht echt, wurde von der arabischen website entfernt." |
 | 'BZ' vom 8.7.2005
 Titelseite |
 | 'BZ' vom 8.7.2005
 Seiten 2/3
Bush und Blair werden uns, obwohl sie selber für den Terror von Kriegen verantwortlich sind, als diejenigen präsentiert, die uns vor Terror beschützen wollen und sich um das Wohl der Welt sorgen. |
 | 'BZ' vom 8.7.2005
 Seite 6
Auf dieser Seite steht neben dem abgebildeten Osama bin Laden Peter Scholl-Latour im Mittelpunkt.
 Auf die Frage, ob Bin Laden den Befehl gegeben habe, soll er gesagt haben: "Es ist denkbar, daß er von einer Berghöhle aus agiert, sich jetzt die Bilder aus London auf Mauleseln bringen läßt."
 Auf die Frage, warum al-Qaida immer noch bomben kann: "Weil diese mörderische Terrorgruppe... immer noch nicht besiegt wurde."
 Auf die Frage, warum der Terror immer noch nicht besiegt ist: "Das ist der eigentliche Skandal. Seit dem 11. September ist in Sicherheitsfragen und Selbstverteidigung nichts passiert. Wir dürfen uns nicht länger an den Rockzipfel Amerikas hängen. Europa braucht eine gemeinsame Armee, eine gemeinsame Luftwaffe, die Geheimdienste müssen noch enger zusammenarbeiten." |
 | 'Daily Express' vom 8.7.2005
 Titelseite
Wie auch für den 'Daily Mirror' ist auch für den 'Daily Express' klar, was zu diesem Zeitpunkt niemand wissen kann: Die Anschläge sind das Werk von Selbstmord-Attentätern. |
 | 'Daily Express' vom 8.7.2005
 Seiten 18/19 |
 | 'Daily Express' vom 8.7.2005
 Rückseite |
 | 'Daily Mail' vom 8.7.2005
 Titelseite |
 | 'Daily Mail' vom 8.7.2005
 Seiten 4/5
Wir alle gemeinsam mit der Regierung von Tony Blair gegen den 'Terror' - ist die Botschaft dieser Doppelseite. |
 | 'Daily Star' vom 8.7.2005
 Titelseite |
 | 'The Daily Telegraph' vom 8.7.2005
 Titelseite |
 | 'Express' vom 8.7.2005
 Titelseite
Wir lesen: "El Kaida-Angriff: Drei Bomben in der U-Bahn - Bus in die Luft gesprengt". Die Frage nach den Urhebern ist für 'Express' keine. |
 | 'Hamburger Morgenpost' vom 8.7.2005
 Titelseite |
 | 'Hamburger Morgenpost' vom 8.7.2005
 Seite 3 |
 | 'tz' vom 8.7.2005
 Titelseite |
 | 'Kölner Stadt-Anzeiger' vom 8.7.2005
 Titelseite |
 | 'taz' vom 8.7.2005
 Titelseite
Auf der Titelseite hält sich die 'taz' mit der Nennung von Verantwortlichen zurück. Wir müssen bis zur letzten Seite der Berichterstattung über die Anschläge von London, bis zur Seite 6 blättern. Dort erfahren wir dann aber unmißverständlich: "'Der Kill-Factor ist wichtig' - Dem 'Neuen Terrorismus' reicht der bloße Schock der Opfer nicht. Al Qaida will Tote." |
Das In-Umlauf-Bringen der These, es handele sich um von Al-Qaida zu verantwortende Selbstmordattentate, zu einem Zeitpunkt, zu dem darüber keinerlei gesicherte Erkenntnisse vorliegen (zum großen Teil noch am Tag des Geschehens selber), macht deutlich, daß es Kreise gibt, die an der Auffrischung des Feindbildes Al-Qaida ein vitales Interesse haben.
eMail- und Gästebuch-Reaktionen:
eMail vom 8.10.2005:

Vielen Dank für diese Super-Arbeit.
eMail eines Journalisten und Sozialwissenschaftlers vom 23.10.2005:

Guten Tag! Gerade habe ich mich ein wenig mit Ihrer 'Analyse' der Berichterstattung über die Londoner Anschläge beschäftigt. Es wäre schon einmal interessant, diese 'Analyse' zu analysieren. Sie suggerieren, die Täter kämen nicht aus dem Lager der Islamisten? Woher denn dann? Wahrscheinlich wars Bush, die CIA, der Mossad, James Bond vielleicht? Die Linke ist wirklich in einem armseligen Zustand! Kritik ist durch Verschwörugnstheorie ersetzt worden. Mir wird speiübel!
Unsere Reaktion vom 30.10.2005 auf die eMail vom 23.10.2005:

Mit Interesse haben wir Ihre eMail zur Kenntnis genommen. Einer Analyse unserer Analyse sehen wir mit Spannung entgegen. Die Gedanken eines kritischen Journalisten und Sozialwissenschaftlers wären gewiss erkenntnisreich.
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