Der Krieg und die Medien (6)
Wie die Menschen auf den Krieg eingestimmt werden
1. Über die Bilder von den jubelnden Palästinensern und andere Manipulationen im 'Krieg gegen den Terror':
2. Wie in vergangenen Kriegen manipuliert wurde, um kriegslüstern zu machen:
2a. Medien und Krieg - Das 'Massaker von Srebrenica'
3. Der Angriff der Mainstream-Medien auf die 'Verschwörungstheoretiker':
4. 'Die Akte Saddam' und die Auseinandersetzung um das 'Massaker' von Halabja:
5. Die 'Beweise' des Herrn Powell für den Angriff auf den Irak:
6. Wie der 'Sieg' gegen den Irak in Szene gesetzt wurde:
7. Die 'Festnahme' der Saddam Hussein genannten Person
8. Der erste Gerichtstermin mit der Saddam Hussein genannten Person
9. Schritte zur Installation bzw. Verfestigung des Feindbildes Nordkorea

Kostenlos stellen die Zeitungen dem Pentagon ihre Titelseiten und die Kreativität ihrer Grafiker zur Verfügung

Kleiner Querschnitt durch die 'Berichterstattung' zur Besetzung Bagdads und zum Sturz der Saddam-Hussein-Statue in Bagdad am 9.4.2003

'Sun'
Titelseite vom 10.4.2003
"Freiheitsstatue"

'Daily Mirror'
Titelseite vom 10.4.2003
"Freiheitsstatue"

'Daily Star'
Titelseite vom 10.4.2003
"Wir haben den Krieg gewonnen - Tyrann Saddam endlich gestürzt - Michelle grüßt unsere Jungs"

'Daily Express'
Titelseite vom 10.4.2003
"Gestürzt"

'Bild'
Titelseite vom 10.4.2003
"Sieg - Saddam geschlagen - Jubel in Bagdad"

'Bild'
Seite 2 vom 10.4.2003
"Bagdad gefallen! - US-Soldaten stürzen Saddams Denkmäler"

'Express'
Titelseite vom 10.4.2003
"Bagdad erobert - aber keine Spur von Saddam"

'Die Welt'
Titelseite vom 10.4.2003
"Nach 21 Tagen Krieg ist Bagdad von Saddam befreit"

'Frankfurter Rundschau'
Titelseite vom 10.4.2003
"Saddams Regime verliert den Krieg um Bagdad - Ohne Gegenwehr rollen US-Panzer ins Stadtzentrum - Bevölkerung plündert Regierungsbüros und zerstört Statuen"

'Der Spiegel'
Titelseite vom 14.4.2003
"Amerikas Sieg: zwischen Krieg und Frieden"

'Hamburger Morgenpost'
Titelseite vom 10.4.2003
"Bagdad ist gefallen - der Einmarach, der Jubel"

'Hamburger Abendblatt'
Titelseite vom 10.4.2003
"Saddam am Boden - freies Bagdad jubelt"

'Ostthüringer Zeitung'
Titelseite vom 10.4.2003
"US-Truppen in Bagdad als Befreier begrüßt"

'taz'
Titelseite vom 10.4.2003
"Good bye, Saddam Hussein"

'Algemeen Dagblad'
Titelseite vom 10.4.2003
"Bagdad von Saddam befreit"


Es gibt nicht viele Zeitungen, die dem Pentagon die Berichterstattung verweigern. 'junge Welt' und 'Neues Deutschland' gehören dazu. Hier sehen wir auf der Titelseite keine jubelnden Menschen und keine mittels Panzer umgerissene Statue. Der überwiegende Teil der Medien weiß, was verlangt ist: die Inszenierung des Sieges - in den Zeitungen auf der Titelseite und im Fernsehen live ohne jede Distanz.

'Das Erste' kombiniert den Sturz der Statue mit einem Beitrag über Saddam Hussein - mittels Bild-im-Bild-Technik. Parallel zur Inszenierung des Siegs wird (nochmal) vor Augen geführt, was für eine Bestie Saddam Hussein (gewesen) ist - mit dem Giftgaseinsatz von Halabja während des von den USA eingefädelten Irak-Iran-Krieges 1988 als Höhepunkt.

Voraussetzung des Krieges ist - wie es Ex-General Heinz Loquai formuliert - die Bestialisierung des Gegners. Die Medien exerzieren diese Verfahrensweise exzellent. So ist der Sieg der 'Amerikaner' und der 'Sturz' von Saddam Hussein die ersehnte Erlösung.


Das Bild des stürzenden Diktators Saddam - eine Fälschung?

Hans Christoph Stoodt, Pfarrer in Frankfurt, am 17.4.2003

Liebe Freunde,

Das unter dem Link http://www.nion.us (der Homepage von 'Not in our name', USA) anzuschauende Foto, legt nahe, dass die weltweit verbreitete Massen- und Jubelszene mit dem in Baghdad stürzenden Denkmal Saddams eine gestellte Fälschung war.

Diese Szene, bei der sich Hans Magnus Enzensberger so 'triumphal' gefreut hat, hat so, wie sie sich im TV ansah, nicht stattgefunden. Wie wohl die meisten, natürlich auch ich selbst, ist auch Enzensberger schlicht darauf hereingefallen.

Es erweist sich: der Sturz Saddams im Bild, Ersatz für den ebenso wenig wie Osama bin Laden real gefassten und vor Gericht gestellten Diktator von ehedem US-Gnaden (beide werden sicherlich niemals lebendig verhaftet und vor ein öffentliches Gericht gestellt werden - warum wohl nicht?), ist die medienvirtuelle Essenz des vorgeblich 'gerechten' Krieges gegen einen Diktator, wie Bush, Rumsfeld und Konsorten es uns verkaufen wollten und wie Enzensberger und alle früher mal linken Bellizisten es wohl gerne gesehen hätten - schlichte Fälschung genauso wie die öffentlich verbreiteten Kriegsbegründungen ("Demokratie", Massenvernichtungswaffen") - und in sofern würdige Fortsetzung des Bildes vom ölverschmierten Vogel, der in aller Welt zur Ikone des 2. Golfkriegs von 1991 wurde, obwohl er in Wahrheit, wie sich später herausgestellt hat, von der Küste Alaskas stammte.

Man lernt nie aus.

Hans Christoph Stoodt


"A staged photo-op for the American media"

Aus der US-Homepage 'Not in our name' (Stand: 17.4.2003)

Kurz nach dem Sturz der Saddam-Hussein-Statue auf dem Paradies-Platz in Bagdad am 9.4.2003

On April 9, the U.S. media was filled with pictures supposedly showing a great crowd of Iraqis pulling down a statue of Saddam Hussein. This wide angle photo shows that the whole event was a staged photo-op for the American media. The statue is actually being pulled over by a Marine Corps M88 tank recovery vehicle, while cameras on the ground focus in on a couple dozen Iraqis allowed into the area for the event. Everyone else is kept away by tanks around the plaza.

For more information see: www.informationclearinghouse.info/article2842.htm

Quelle: http://www.nion.us/


"The photographs tell the story..."

Aus der Homepage 'Information Clearing House - News you won't find on CNN' (Stand: 17.4.2003)

Bild 1
Vor dem Sturz der Saddam-Hussein-Statue auf dem Paradies-Platz in Bagdad am 9.4.2003

Bild 2
Beim Sturz der Saddam-Hussein-Statue auf dem Paradies-Platz in Bagdad am 9.4.2003

Bild 3
Beim Sturz der Saddam-Hussein-Statue auf dem Paradies-Platz in Bagdad am 9.4.2003

Bild 4
Nach dem Sturz der Saddam-Hussein-Statue auf dem Paradies-Platz in Bagdad am 9.4.2003

April 6th: Iraqi National Congress founder, Ahmed Chalabi is flown into the southern Iraqi city of Nasiriyah by the Pentagon. Chalabi, along with 700 fighters of his "Free Iraqi Forces" are airlifted aboard four massive C17 military transport planes. Chalabi and the INC are Washington favorites to head the new Iraqi government. A photograph is taken of Chalabi and members of his Free Iraqi Forces militia as they arrive in Nasiriyah.

Bild 5

Großes Bild: Ahmed Chalabi (vorne links) und Mitglieder der 'Free Iraqi Forces' am 6.4.2003 bei der Ankunft auf dem Flughafen von Nasiriyah

Kleines Bild: Jubelnder am 9.4.2003 (sehr ähnlich dem, der im großen Bild leicht verdeckt hinter Ahmed Chalabi steht)

April 9th: One of the "most memorable images of the war" is created when U.S. troops pull down the statue of Saddam Hussein in Fardus Square. Oddly enough... a photograph is taken of a man who bears an uncanny resemblance to one of Chalabi's militia members... he is near Fardus Square to greet the Marines. How many members of the pro-American Free Iraqi Forces were in and around Fardus Square as the statue of Saddam came tumbling down?

The up close action video of the statue being destroyed is broadcast around the world as proof of a massive uprising. Still photos grabbed off of Reuters show a long-shot view of Fardus Square... it's empty save for the U.S. Marines, the International Press, and a small handful of Iraqis. There are no more than 200 people in the square at best. The Marines have the square sealed off and guarded by tanks. A U.S. mechanized vehicle is used to pull the statue of Saddam from it's base. The entire event is being hailed as an equivalent of the Berlin Wall falling... but even a quick glance of the long-shot photo shows something more akin to a carefully constructed media event tailored for the television cameras.

Quelle: http://www.informationclearinghouse.info/article2842.htm


Triumphale Freude über das 'Gelingen' eines mörderischen Raubüberfalls beim Anblick des inszenierten Sturzes

Hans Magnus Enzensberger und Jürgen Habermas in der 'FAZ' vom 15. bzw. 17.4.2003

Nun ist alles anders: "Der baldige Sieg der Alliierten werde erhofft und sei erwünscht", wird Bundeskanzler Gerhard Schröder von DPA am 9.4.2003 wiedergegeben - jetzt, wo sich der Erfolg des völkerrechtswidrigen Raubüberfalls abzuzeichnen beginnt. Und auch das intellektuelle Deutschland meldet sich zu Wort.

Am 15.4.2003 schreibt Hans Magnus Enzensberger in der 'FAZ': "Eine der wenigen tiefen Freuden, welche die Geschichte bereithält, ist das Ende eines Gewaltherrschers... Der Sturz seiner Statuen, die Zerstörung seiner Bilder symbolisiert diesen Moment. Hitler, Stalin, Franco, Pinochet, Ceausescu, Mobutu, Milosevic, Saddam - die Liste nimmt kein Ende... jeder Tag, an dem sie weiter herrschen, kostet Menschenleben. Die triumphale Freude, die man empfindet, wenn wieder eine dieser Figuren krepiert, beruht darauf, daß man sie überlebt hat...

Darf man sich also freuen, oder darf man es nicht? Die Bilder vom Sturz Saddam Husseins sind, wenn nicht gefälscht, so doch höchst verdächtig. Erleichterung ist eine Regung, der man besser nicht nachgibt. Verdienstvoller ist es, zu warnen und zu mahnen, und wenn sich die Friedensbewegten ein Wort über den Sieg abringen, so klingt es gepreßt. Irgendwie peinlich, daß es Irakis gibt, die ihre Okkupanten begrüßen! Niemand liebt es, als der Blamierte dazustehen."

Zwei Tage später reagiert Jürgen Habermas: "Die ganze Welt hat jene Szene am 9. April in Bagdad beobachtet, hat verfolgt, wie amerikanische Soldaten dem Diktator die Schlinge um den Hals legen und ihn unter dem Jubel der Menge symbolträchtig vom Sockel stürzen...

Wie die Gestaltwahrnehmung eines Vexierbildes 'umkippt', so scheint sich die öffentliche Wahrnehmung des Krieges mit dieser Szene zu verkehren. Die moralisch obszöne Verbreitung von Schock und Schrecken unter einer unnachsichtig bombardierten, ausgemergelt-wehrlosen Bevölkerung verwandelt sich an diesem Tage im Schiitenviertel von Bagdad in die enthusiastisch begrüßte Befreiung der Bürger von Terror und Unterdrückung... Beide Wahrnehmungen enthalten ein Moment der Wahrheit..."

Tatsächlich, die Bilder vom Sturz zeitigen ihre Wirkung. Die Inszenierung kann als gelungen angesehen werden. Und am 15.6.2003 wird in der ARD-Sendung 'Opperation Saddam - Amerikas Propagandaschlacht' von Helmut Grosse zusammengefaßt, wie es zu dieser Inszenierung kam:

"Tatsächlich ist es eine professionell kalkulierte Aktion - inszeniert nach den Regie-Anweisungen einer Werbeagentur. So ein Experte für Propaganda-Schlachten - John Mc Arthur: 'Das war die Rendon Gruppe. Sie hat dem Verteidigungsministerium dazu geraten. Es ist kein Zufall, dass der Kopf mit einer amerikanischen Flagge verhüllt wurde. Wir wissen, dass das Pentagon den strikten Befehl gegeben hatte, im Irak vorsichtig mit der US-Flagge umzugehen, sie nicht provokativ einzusetzen. Das war eine inszenierte Aktion - schon mit Blick auf die Wiederwahl von Bush.' Rendom, eine Werbeagentur - spezialisiert auf Propaganda-Operationen im Regierungsauftrag. Wie schon im 1. Golfkrieg war sie wieder beauftragt, das professionelle Marketing zu übernehmen, diesmal des Unternehmens 'Regimewechsel in Bagdad'. Für ein Honorar von 7.5 Millionen Dollar. Wie verkauft man einen Krieg - eine Frage, die Washington beschäftigte - lange bevor der Krieg begonnen hatte."

Wer ist Rendom? In einem Artikel von Uwe Wolff mit dem Titel 'Die Söldner der Lüge', veröffentlicht bei t-online, erfahren wir dazu: "'Ich bin ein Informationskrieger' brüstete sich John W. Rendon, Chef der amerikanischen Public Relations Agentur 'The Rendon Group' (TRC). Seine Agentur wurde noch im Oktober 2001, also bereits einen Monat nach dem Anschlag auf das World Trade Center, vom Pentagon angeheuert, um die USA in der muslimischen Welt sympathischer darzustellen, damit der 'Krieg gegen den Terror' im Nahen Osten leichter von der Hand geht. Rendon, früher Wahlkampfberater von US-Präsident Jimmy Carter, hat Erfahrung im globalen Informationskrieg. So bereitete er die US-amerikanische Invasion in Panama gegen den einstigen USA-Freund General Noriega durch geschickte Unterstützung der Opposition vor. Rendon war es auch, der von der US-Regierung nach dem ersten Golfkrieg Geld bekam, um eine Opposition im Irak aufzubauen, die Saddam stürzen sollte."


Hans Magnus Enzensberger stürzt sich als Denkmal selber

Hans Christoph Stoodt, Pfarrer in Frankfurt, am 20.4.2004, zu dessen Äußerung von Anfang April 2004: "Es stimmt, dass nach dem Sturz eines Diktators Probleme beginnen. Aber lieber neue Sorgen als alte Schweinereien. Das erste, das mich in solchen Situationen freut, ist stets der Sturz eines Diktators. Wenn zum Beispiel ein Stalin-Denkmal zerbrochen wird, empfinde ich grundsätzliche politische Freude."

Hans Magnus Enzensberger ist konsequent und stürzt sich mit seinen jüngsten Äußerungen zum Irak als Denkmal selber.

Als ich Ende der 60er Jahre noch Gymnasiast war, gehörten seine Gedichte zu den wichtigsten Entdeckungen, die ich machen durfte - allen voran "Für Theodor W. Adorno". Daß Enzensberger mit seiner Äußerung zum Sturz des Saddam-Denkmals im April 2004 auf einen Medientrick hereingefallen war, muß ihm inzwischen irgendwer doch erzählt haben - oder ist es seine Variante von Altersstarrsinn, auf etwas zu beharren, weil es in seinen Augen zwar wahr, aber leider eben nicht wirklich ist? So eine Art rückwärtsgewandte Utopie? Und wann und wo hat er persönlich "ein Stalin-Denkmal stürzen" sehen (außer im Fernsehen, natürlich ...)? Und was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Unter dem Strich kommt dabei nur eines heraus: Enzensberger verteidigt heute die alte Schweinerei Imperialismus, die er früher attackiert hat.

Der lange Weg von unten links hat ihn schließlich nach oben rechts geführt - nur eines von vielen Beispielen einer Diagonal-Karriere in der Geschichte unseres Landes nach 1968, über die in den kommenden Jahren niemand mehr ernsthaft reden, sondern allenfalls noch so manches mit der Sozialgeschichte dieses Landes befaßte historische Proseminar diskutieren kann.

Ich habe nach dem Lesen Ihres Artikels jedenfalls mein inneres Enzensberger-Denkmal gestürzt, und zwar in der meinem ästhetischen Empfinden nach formal diesem Fall einzig angemessenen Art und Weise: alle seine auf meinen Regalen befindlichen Bücher in eine Supermarkt-Plastiktüte gepackt und in den Müll geworfen.

Jetzt geht's mir besser.


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