| London, 24./25.3.2006 - Gemeinsamer Protest von deutschen und britischen Beschäftigten des Luftfahrt-Caterers Gate-Gourmet |
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Kampf gegen die Heuschrecke 'Texas Pacific Group' - Briten und Deutsche geben nicht auf Hans-Dieter Hey in 'Neue Rheinische Zeitung' vom 4.4.2006 Wenn man mit dem Widerstand gegen die von Franz Müntefering ans Licht der Öffentlichkeit gezogenen "Heuschrecken" Erfolg haben will, ist solidarisches Handeln unter Beschäftigten erforderlich. Und in Zeiten des globalen Irrsinns eines wildgewordenen Marktradikalismus wird offensichtlich auch dieser Widerstand global. Dies zeigten Britische und Deutsche Beschäftigte am vorletzten Wochenende in London. Dort trafen sich Streikende der Firma Gate Gourmet vom Flughafen Düsseldorf mit denen vom Flughafen London-Heathrow. Seit Monaten wird in den Medien berichtet, was sie im Widerstand vereint: Mit einem Radikalismus der besonderen Art wollen die Manager von Gate Gourmet überall die Arbeits- und Lohnbedingungen der Beschäftigten im Konzern dramatisch verschlechtern. Und so ist auch die Stimmung. Freitag und Samstag gaben sie ihrem Zorn lautstark Luft, und zogen zuerst vor die Europa-Zentrale der Texas Pacific Group und am nächsten Tag durch London-Hounslow. Mit Rufen und Schildern wie "TPG - Gangster Capitalist" oder "TPG – Stoppt Sklaverei" machte sie deutlich, was sie von ihrem gemeinsamen Arbeitgeber halten. Gate Gourmet ist der zweitgrößte Hersteller von Fluggastverpflegung und ist in 29 Ländern mit 26.000 Beschäftigten vertreten. Als profitables Unternehmen wurde es vom amerikanischen Finanzdienstleister Texas Pacific Group (TPG) für 403 Mio. US-Dollar aufgekauft. In Deutschland hat sich TPG unter anderem bereits zigtausende Mietwohnungen unter den Nagel gerissen, um Menschen hinaus zu sanieren oder profitable deutsche Firmen wie Grohe oder Telenovis zerschlagen und teilweise ins Ausland verlegt. Die Leute der Texas Pacific Group sind stinkfaul: Sie machen ihr Geld nämlich damit, dass sie Firmen - in der Regel unter Aufnahme hoher Kredite – aufkaufen und wieder verkaufen. Die Beschäftigten müssen dann die zusätzliche Kostenbelastung hereinwirtschaften oder es wird durch Entlassungen eingespart. In dieser Weise saniert, verkauft die TPG die Firmen mit Gewinn weiter. Wie rabiat die TPG auf Gate Gourmet Druck ausübt, machen die Aussagen Betroffener aus London deutlich. Im August letzten Jahres wurde ein Teil der Belegschaft in Londoner Flughafen Heathrow von der Geschäftsleitung kurzer Hand ohne Nahrung, Getränke oder Möglichkeit zum Toilettengang für sieben Stunden in der Kantine eingesperrt. In der Zwischenzeit wurden Zeitarbeitnehmer eingestellt. Andere Beschäftigte wurden durch eine private Sicherheitsfirma gewaltsam vom Firmengelände gedrängt, wobei eine schwangere Frau zu Fall kam. Beschäftigten, die zum Schichtwechsel kamen, wurde die Kündigung per Megaphon ausgesprochen. Die meisten von ihnen haben nach dem Rauswurf alles verloren, einige von ihnen müssen inzwischen betteln, weil auch keine Arbeitslosenunterstützung mehr gezahlt wird. Die Belegschaft ging schon damals davon aus, dass diese Provokation der Firmenleitung von Gate Gourmet von langer Hand durch die Texas Pacific Group vorbereitet war. Denn zur Verfolgung der Einsparungsziele ist offensichtlich der TPG jedes zivilisierte Handeln abhanden gekommen. Der Druck auf den Rest der Beschäftigten war enorm, um ihnen die schlechten Arbeitsbedingungen abzupressen. So sollte der Lohn bei gleichzeitiger Arbeitsverdichtung um 25 Prozent gekürzt werden. Die Lohnfortzahlung bei Krankheit wurde von 18 Tagen auf einen Tag gesenkt für Mitarbeiter, die über fünf Jahre im Betrieb waren. Die meisten von ihnen hatten sie aber gerade ohne einen Cent Abfindung rausgeschmissen. Mitarbeiter unter fünf Jahren mussten ohne Lohnfortzahlung auskommen. Den Rest setzte man mit monatlich verlängerbaren Arbeitsverträgen unter Druck, ebenfalls ohne Lohnfortzahlung und Rentenanspruch. Die Arbeitsbedingungen wurden erheblich verschärft. Zusätzlich wurde von der Geschäftsleitung Druck durch die Einstellung osteuropäischer Wanderarbeiter zu sklavenhalterischen Bedingungen ausgeübt. Trotz ihrer schwierigen Lage kämpfen die britischen Streikenden einen ungleichen Kampf an zwei Fronten, denn die Spitze der mächtigen Transportgewerkschaft TGWU hatte den ungünstigen Kompromiss mitgetragen. Deshalb bekommen die Streikenden auch nichts mehr aus der Unterstützungskasse. Seit sie sich von der Gewerkschaft verraten fühlen, ist deshalb Gewerkschaftsführer Tony Woodley Ziel ihrer Attacken: "Sack Tony Woodly" - werft Tony Woodly raus - hieß es deshalb auf der Demonstration an diesem Samstag. Ein Teil der Beschäftigten hatte schließlich die neuen sklavenhalterischen Bedingungen akzeptiert. Andere kämpfen noch um ihre Arbeitsplätze. Das Londoner Ratsmitglied Colin Ellar am Samstag: "Dieser Kampf ist ein Kampf um gerechten Lohn und gerechte Arbeitsbedingungen. Wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass Menschen nicht derart ungerecht behandelt werden". Auch bei Gate Gourmet Düsseldorf spitzte sich die Lage zu, nachdem sich die Arbeits- und Lohnbedingungen nach dem Besuch der Unternehmensberatung McKinsey erheblich verschlechtern sollten. So wurden Akkordbedingungen eingeführt, die ständig unbezahlte Überstunden zur Folge hatten, um die Akkordziele zu erreichen. Die Produktivitätssteigerung soll 8-10 % sein, zu den bereits jetzt kaum zu haltenden Bedingungen. Selbst der Gang zur Toilette musste angemeldet und herausgearbeitet werden. Sozialleistungen und Zuschläge wurden gekürzt, Mitarbeiter entlassen. Die TPG will mit der Brechstange ihren "Go Forward Plan" mit Lohnkürzungen von 10 % durchsetzen. Die Streikende Yusen Grusis aus Düsseldorf: "Die Firmenleitung von Gate Gourmet hat uns so stark unter Druck gesetzt, dass wir irgendwann genug davon hatten und uns entschlossen, dagegen zu kämpfen". Sie kämpfen seit Oktober 2005 und wollen auf keinen Fall aufgeben. Aber nicht nur die Beschäftigten hatten die Nase von Gate Gourmet voll. Auch die eigens als Streikbrecher bezahlten Aushilfskräfte hatten schnell begriffen, wie schlecht die Arbeitsbedingungen sind. Die Beispiele zeigen, welche Folgen die Zerschlagung sozialer Sicherungssysteme, der Abbau des Kündigungsschutzes und der Abbau demokratischer Rechte hat, wie sie auch seit Jahren in Deutschland scheibchenweise durchgesetzt werden. Die Möglichkeit dafür wurde von Franz Müntefering und der verlogenen Politik von rot-grün mit Unterstützung von CDU und FDP durch das Finanzdienstleistungsgesetz selbst geschaffen, sie hatte der Heuschreckenplage alle Tore geöffnet. Es ist daher zu befürchten, dass sich diese Art unzivilisierter Raubtierkapitalismus wie in Großbritannien und anderswo auch bald für Deutschland durchsetzt, wenn nicht genügend solidarischer Widerstand aufgebaut wird. Für die Streikenden ist deshalb wichtig, ein gemeinsames Zeichen zu setzen. Paddy O´Regan von der Zeitung News Line: "Die Teilnahme der Streikenden aus Deutschland war für uns eine enorme Unterstützung. Internationalität und internationales Handeln ist keine Phrase, es die Frage dieser Stunde, denn die Bosse können überall in der Welt hingehen, die Menschen hinaus werfen und der Straße überlassen...Viele Beschäftigte sehen die beginnende Krise des Kapitalismus und wollen dagegen kämpfen". Deshalb könnten wir hier in Deutschland von dem Mut der Briten und Franzosen ruhig etwas mehr gebrauchen. Quelle: www.nrhz.de |