Berlin, 3.6.2006 (3) - 'Schluß mit den Reformen gegen uns' - Demonstration gegen den SozialabbauBilder

Unser Wirtschaftssystem geht über Leichen

Rede von Reiner Böckermann, Träger des 'Aachener Friedenspreises' und Mitglied der 'Initiative Ordensleute für den Frieden'

Freundinnen und Freunde!

Ich bin gebeten worden, in 3 Minuten die Frage nach der Entsolidarisierung und der Moral zu stellen, wohl weil ich Mitglied der "Initiative Ordensleute für den Frieden" bin. Und Ordensleute stehen nun mal für Solidarität und Moral! Aber tun sie das wirklich alle, frage ich? Oder gehören sie nahtlos in die Reihe von Politikern und Wirtschaftsbossen, die um so mehr von "Werten" reden, je weniger Arbeit da ist, von Gerechtigkeit und Frieden, je heftiger der Krieg tobt, von Solidarität unter den Generationen, je weniger Arbeitsplätze es für Jugendliche gibt.

Aber wer bei Bildung und Sozialausgaben spart, muss Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit dem Glorienschein von "Grundwerten" versehen. Ja, der Bedarf an "Werten" und "Moral" ist gestiegen. Aber wir Ordensleute für den Frieden wollen da nicht mitmachen. Seit 16 Jahren stehen wir vor der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main. Zunächst aus Solidarität mit den Ärmsten in der so genannten 3. Welt. Als wir dann aber im Laufe unserer monatlichen Mahnwachen merkten, dass auch in Frankfurt die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer­ und zahlreicher werden, haben wir uns immer mehr mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem auseinandergesetzt. Heute sagen wir mit Bestimmtheit: Unser Wirtschaftssystem geht über Leichen.

Soll Hoffnung werden für Frieden, oder Hoffnung für 5 Millionen Arbeitslose, oder Hoffnung für Menschen, die 50 Stunden in der Woche arbeiten müssen, weil sie sonst um ihren Arbeitsplatz bangen müssen, oder Hoffnung für Millionen überschuldeter Privathaushalte, dann muss unser kapitalistisches Wirtschaftssystem überwunden werden. Das alles ist aber keine Frage der "Moral". Das ist eine Frage des Widerstandes und der Revolution!

Zum Schluss noch eine kleine Geschichte, warum ich der festen Überzeugung bin, dass wir noch zu meinen Lebzeiten das kap. Wirtschaftssystem kippen werden. Seit gut 8 Jahren demonstriert eine kleine Gruppe von Frankfurter Arbeitslosen "Gegen Sozialabbau, Bildungs- und Rentenklau". Wenn ich Zeit habe, gehe ich hin und hänge mir dieses Schild um: "Unser Wirtschaftssystem geht über Leichen". Die Zahl derer, die sagen: "Das stimmt, das habe ich am eigenen Leibe erfahren", nimmt zu.

Dann komme ich mir vor wie so ein kleiner Verstärker, der sagt: "Trau deiner inneren Stimme. Trau nicht denen, die dir aus den Chefetagen der Wirtschaft und Politik was anderes erzählen." Und dann frage ich: Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass die Mauer in Berlin fallen würde? Und ich erzähle von einem kleinen Aufkleber an einem gelben Briefkasten in Frankfurt, der lautete: "Die BRD war schlauer - Das Geld ist jetzt die Mauer".

Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Geldmauer, die immer höher gezogen wird zwischen West und Ost, zwischen unten und oben, zwischen arm und reich eines Tages fallen wird, wie die Berliner Mauer. Und zwar dann, wenn die Menschen, wie damals in Berlin und Leipzig, immer wieder auf die Straße gehen, gewaltfrei, mit Kerzen in den Händen, und sagen: Schluss jetzt mit dem Wahnsinn. Wir gehen einen anderen Weg. Diese Revolution wird kommen, noch zu meinen Lebzeiten. Davon bin ich überzeugt.

Sonst hat unser Planet Erde keine Überlebenschance, sonst haben die kommenden Generationen keine Zukunft. Oder wie Erich Fried sagt: "Wer will, das die Erde so bleibt wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt". Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit!