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Anneliese Fikentscher
Kurt Bachmann vor der Villa Schröder, Köln, 1991
aus dem Projekt 'Gegen den braunen Strom - WiderstandskämpferInnen im Portrait der Arbeiterfotografie Köln'

Prof. Rolf Sachsse, Fachhochschule Niederrhein, Krefeld, Bereich Design/Fotografie:
Einmal angenommen, wir wüßten nichts über den Mann und das Haus auf diesem Bild: was zeigt es? Der Mann ist von hinten aus Untersicht gesehen, steht mitten im Bild; sein Mantel ist schwer und schwarz, Haare und Ohr sowie die faltigen Hände deuten das Alter mehr als die Körperhaltung; das Gesicht ist nicht erkennbar. Von der Villa ist die ehrfurchtgebietende Säulenfront zu sehen; die Tür ist verdeckt, kann also nicht zum Eintreten einladen, die Fenster sind vergittert oder von einer Balkonbrüstung mit Gitter verdeckt. Auf das Alter des Hauses deuten der blätternde Putz am obersten Bildrand, die nachträglich eingefügte Regenrinne am linken oberen Rand, die zerbröckelnden Treppenstufen am unteren linken Bildrand.
Einmal in die Komposition aus Monumentalformen - wie ein bürgerliches Denkmal vor einem feudalen Schloß wird der Mann gegeben - eingesehen, wird auch der Sinn des Bildes klar, aus dem dann die notwendig beigegebene Erzählung der Beziehung beider zu erhellen ist. Hier besucht einer einen Ort, unter dessen Ausstrahlung er gelitten hat; hier ist die Erinnerung durch die Zeit nicht schwächer geworden. In diesem Zusammenhang bilden die kompositorisch exakt den Denkmalsformen gegengesetzen Hände das eigentlich sinngebende Element: ganz archaisch wird der Fehdehandschuh gehalten, kurz vor dem Hinwerfen für einen erneuten Kampf. Die Wunden sind nicht verheilt, auch wenn beide, Haus und Mann, alt wurden.

Dr. Werner Jung, Historiker beim NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln:
Das Bild vermittelt eine eigentümliche Spannung: daß es hier nicht um eine Banalität geht, wie etwa die: ein Hausbesitzer vor seinem schmucken Stadthaus, versteht sich unmittelbar von selbst. Ein Haus und ein Mensch stehen in einer merkwürdigen Beziehung zueinander. Das Bild ergreift Partei: für den Menschen. Was hat dieser Rücken nicht alles aushalten müssen; und das hat mit diesem Haus zu tun.
Kurt Bachmann - Kommunist, Widerstandskämpfer, gemartert in mehreren Konzentrationslagern - vor dem ehemaligen Haus des Bankiers Kurt von Schröder am Stadtwaldgürtel 35 in Köln-Lindenthal. Dort trafen sich am 4.1.1933 Hitler und Papen. Was hier besprochen wurde, hat die Machtübernahme der Nazis am Ende des gleichen Monats letztlich erst ermöglicht. Danach ging's rasch los gegen alle Gegner der Nazis: gegen Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und und. Kurt Bachmann traf es gleich zweimal: als Kommunist und Jude. Was hat dieser Rücken nicht alles aushalten müssen!
Und nun 60 Jahre danach steht dieser Mensch vor dem Haus, das so wichtig dafür war, daß die Nazis an die Macht kamen: sein Rücken in kerzengrader Haltung - ungebeugt, ungebrochen; so scheint es. Aber ohne Triumph, denn dazu gibt es wahrlich keinen Anlaß. Er hält vielmehr inne, steigt die Treppenstufen nicht hoch.
60 Jahre danach gewinnt dieses Foto angesichts der rechtsextremistischen Mordbrenner im Land eine atemberaubende Aktualität. Es heißt doch so schön, daß man/frau aus der Geschichte lernen soll. Die CDU-Mehrheit in der Bezirksvertretung von Köln-Lindenthal jedenfalls ist davon noch weit entfernt: zweimal schon hat sie es mit aberwitzigen Argumenten abgelehnt, daß eine kleine Gedenktafel an das Treffen Hitler-Papen erinnern darf. Dabei kann nicht genügend daran gemahnt werden, damit es nicht eines Tages wieder ein derartiges Haus gibt, in dem Rechtsextreme Pläne schmieden und diese dann wieder auf dem Rücken Andersdenkender und Andersartiger ausgetragen werden.

Kurt Bachmann, im Rahmen des Projekts 'Gegen den braunen Strom' portraitierter Widerstandskämpfer:
Betritt man diese Stufen, die zur ehemaligen Villa des Freiherrn von Schröder, Bankier des Kölner Bankhauses Stein, werden sorgenvolle Erinnerungen lebendig. Denn in diesem Haus trafen sich am 4. Januar 1933 Hitler, von Papen, Himmler, Keppler und Bankier Schröder. Schröder begründete seine Einladung so: "Die allgemeinen Bestrebungen der Männer der Wirtschaft gingen dahin, einen starken Führer in Deutschland an die Macht kommen zu sehen ... Als die NSDAP am 6. November 1932 ihren ersten Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft besonders dringend ... wobei ein wesentlicher Punkt darin lag, daß die Wirtschaft sich selbst lenken sollte." Darüber und noch mehr kam das seltsame Bündnis der Hitler-Führung mit den Rechtskonservativen zustande. Hindenburg ernannte daraufhin Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler. Dessen erste Regierung bestand aus drei Nazis, einem General, fünf Adligen und einem langjährigen Krupp-Direktor. Vier Tage später beriet sich Hitler mit Befehlshabern von Heer und Marine über seine Pläne, die Beseitigung der Demokratie, Ausrottung des Marxismus, Todesstrafe, Eroberung neuen Lebensraums im Osten, kurz die Neuordnung Europas, also die Korrektur der Resultate des I. Weltkriegs. Mit maßlosem Terror gegen jeden politischen Widerstand im Innern wie mit dem Anspruch auf deutsche Vorherrschaft in Europa begann die Vorbereitung des Überfalls auf die Staaten und Völker Europas, der erneute Griff nach der Weltmacht. In Kontinuität der 1897 begonnenen imperialistischen Eroberungspolitik des 'Deutschen Reiches' setzte die Hitlerregierung diese fort, mit faschistischer Methode, alle seit 1789 erkämpften Menschenrechte vernichtend.
In dem Maße, wie in der Bundesrepublik das Leben Andersaussehender, Andersdenkender wieder durch Molotow-Cocktails bedroht, wieder faschistischem Terror ausgesetzt ist, werden Erinnerungen daran bei unseren Nachbarvölkern wach. Dort ist niemand vergessen, nichts ist vergessen! Heute versuchen rechtskonservative Kräfte in den Regierungsparteien, dem 'völkischen' Verlangen 'Ausländer raus' nachzugeben, indem unantastbare Grundrechte unserer Verfassung, wie GG 162 oder 194 ausgehöhlt werden sollen. Dieser Prozeß schleichenden Abbaus demokratischer Freiheiten wie sozialer Rechte begann in der Weimarer Republik 1930, bei über 3 Millionen Arbeitslosen. Jetzt bedarf es einer demokratischen Bewältigung deutscher Gegenwart über alle weltanschaulichen, religiösen und klassenbedingten Gegensätze hinweg. Bonn darf nicht enden wie die Weimarer Republik. Vereint haben wir die Kraft zu verhindern, daß 1993 nicht endet, wie 1933 begonnen hatte. Heute ist eine demokratische, antifaschistische Bewegung, eine Bündelung all dieser Kräfte möglich, realistisch, machbar.